An(ge)dacht

von Dr. Christian W. Schmidt

Liebe Leserinnen und Leser,
heute will ich Ihnen etwas über die Tugenden
erzählen. Gleich werden Sie fragen, ob die uns
überhaupt noch etwas zu sagen haben. Lassen
Sie mich bitte einige Gedanken dazu darlegen.
Schon Platon hat vor über 2000 Jahren vier
Haupttugenden bestimmt: Weisheit, Tapferkeit,
Gerechtigkeit, Besonnenheit. Die christlich-mittelalterliche Philosophie formulierte
die mitmenschlichen Tugenden Nächstenliebe,
Wahrhaftigkeit, Hingabe und Treue.
Paulus schreibt im 1. Korintherbrief (13,13):
Nun aber bleiben Glaube, Liebe und Hoffnung,
am größten aber ist die Liebe. Ordnung, Fleiß,
Sparsamkeit werden als bürgerliche Tugenden
bezeichnet, in der Gegenwart gelten Solidarität
und Toleranz als tugendsam.
Jetzt werden Sie ausrufen, vor lauter zu beachtenden
Tugenden komme man doch gar nicht
mehr zum Leben! Ja, dem Menschen ist es
stets schwer gefallen, freiwillig Leistungen zu
vollbringen, die von der Allgemeinheit anerkannt,
auf moralische Werte ausgerichtet sind.
Oder auch Handlungen zu unterlassen, die als
verabscheuungswürdig bewertet werden, unsere
Sünden eben. Um wie viel leichter fällt es
uns, träge statt tapfer zu sein, geizig statt nächstenlieb,
zornig statt besonnen. Wie schnell
lassen wir alle Hoffnung fahren, über die Liebe
Zwietracht triumphieren, haben mehr Zweifel
denn Glauben.
Und weil das so ist, brauchen wir eine ständige
Erinnerung, Selbstbesinnung auf das rechte
Tun und bewusste Lassen. Deshalb dürfen,
sollen wir auch immer wieder einmal in unsere
herrliche Pirnaer St. Marien-Kirche eintreten
und den Blick erheben, denn von oben
blicken Glaube, Liebe, Hoffnung seit 1546 auf
uns herab. Allein der Glaube macht uns gerecht,
lesen wir dort aus Galater 2,16. Die Nächstenliebe
kommt recht offenherzig daher und soll
rein, aus dem Herzen, nicht nur aus dem Geldbeutel
tätig werden (pura et operosa). Und die
Hoffnung lässt nicht zuschanden werden, weil
die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen
ist (Gal. 5,5).
Wenn wir uns diese Aussage vergegenwärtigen,
haben wir keinen Grund zu verzweifeln!
Ich wünsche uns, die wir oft mühselig und beladen,
auch sündig sind, dass wir im Gottesdienst
uns Vergebung zusprechen lassen dürfen
und im Stillsein und Hoffen unsere Stärke
finden (Jes. 30,15), damit die Liebe nicht erstirbt.
Kommen Sie tugendhaft über den Sommer!
Bleiben Sie im Glauben und bei all Ihren Unternehmungen
und Unterlassungen behütet!
Das wünscht Ihnen von Herzen

Ihr Dr. Christian W. Schmidt

»Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!«

 Bibelsymbol mit Hinweis auf die Textstelle Johannes, Kapitel 15, Verse 1 bis 8

Johannes 14, 1