An(ge)dacht
von Pfarrer Cornelius Epperlein
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es ist ein strenges, ernsthaftes Weihnachtsbild, das uns der mittelalterliche Maler Mitte des 15. Jahrhunderts da gemalt hat. Dabei ist alles da, was zur Szenerie von Bethlehem gehört: die Heilige Familie, Ochs und Esel, im Hintergrund Menschen, die neugierig herbeigekommen sind, die Hirten womöglich. Engel, himmlische Heerscharen in kostbaren Gewändern. Man spürt, etwas Besonderes ist geschehen. Aber auch, dass dieses Kind Schutz braucht. Es braucht den elterlichen Schutz, den jedes Kind braucht, das auf unsere Erde kommt. Fürsorge liegt in dem Blick seiner Eltern. Liebevolle Zuwendung – »Für« dich sind wir da. Und da ist auch »Sorge«, was kommen wird, wie eine Vorahnung. Gerade dieses Kind ist besonders bedroht. Die wunderbare Liebe Gottes, die mit ihm auf unsere Erde kommt, sie ist bedroht. Engel sind gekommen, überirdische Wesen, sichtbar nur für den Maler und uns die Betrachter. Als Schutz für das Leben und auch sie in dem Wissen, was dieses Kind für die Welt bedeutet. So beten sie es an. In alledem liegt etwas seltsam Ruhiges, fast Trauriges über der Szene. Die Gesichter aller Beteiligten sind ernst: Voll Sorge zieht Josef die Brauen zusammen, den Wanderstab schon in der Hand, als ob er ahnte, wie bald er vor der Gewalt im Land fliehen muss. Maria schaut wie staunend auf das Kind zu ihren Füßen, die Hände halb geöffnet. Weiß sie nicht, ob sie das Kind an sich drücken oder es loslassen soll? Selbst die Tiere beugen sich mit einem Ausdruck des mitleidigen Schmerzes hinunter auf das nackte kleine Wesen am Boden. Nein, das sieht nicht als erstes nach »Oh, du fröhliche« aus.
Und das Kind? Wenn ich die ovale Form des Heus betrachte, auf dem es liegt, ist meine erste Assoziation: ein Korn. Ein einzelnes, helles, kleines Weizenkorn in die dunkle Erde gelegt. Selbst die Strahlen, die von der zarten Haut ausgehen, erinnern mich an Ähren. Und das Stroh, auf dem es ruht, liegt da wie ein frisch gepflügter Acker.
Als dieses Jesuskind hier auf dem Boden zu einem Mann herangewachsen ist und seinem Tod entgegengeht, sagt Jesus von sich selbst: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde gelegt wird und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.«
Für mich ist dieses Weihnachtsbild auch ein Osterbild. Dieses schutzlose, nackte Kind wird einmal allein und wehrlos am Kreuz sterben. Und nur von Ostern her können wir Weihnachten richtig betrachten. Der Maler hilft uns mit seiner Gestaltung der Szenerie von Bethlehem. Er weiß: Nicht zum Stolz seiner Eltern oder zur Freude von ein paar Hirten kommt Jesus zur Welt. Von Anfang an verschenkt er sich an die, »die im Land der Finsternis wohnen«, wie es die weihnachtliche Lesung aus dem Propheten Jesaja verkündet.
Der Sohn Gottes gibt sein Leben für die, die am Rande der Gesellschaft dahinvegetieren, für die, denen keiner eine Chance gibt, die vor lauter Angst jedes Gottvertrauen verloren haben. Er kommt, »damit sie das Leben haben«. Eine ernste Sache ist das Geschehen von Bethlehem, keine kitschig-süße Krippenidylle. Aber eine Botschaft, die die Kraft hat, wahrhaftig aufzurichten. Eine Botschaft von der wir leben.
Ihr Cornelius Epperlein
Weise mir, Herr, deinen Weg;
ich will ihn gehen in Treue zu dir.

Psalm 86,5
