An(ge)dacht

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Internetseite,

es lohnt sich für das Verständnis des Monatsspruchs, die ganze Geschichte von Elia und dem Gottesurteil auf dem Berg Karmel zu lesen (1. Könige 18-19). Und es lohnt sich, danach den Cranachsaal in den Alten Meistern in Dresden zu besuchen und die ganze Geschichte auf dem großformatigen Bild wiederzuentdecken, das bei der Landesausstellung in Torgau zur Reformationsgeschichte geradezu das Mottobild gewesen ist.

Es ist für mich ein in vielerlei Hinsicht erstaunlicher Text, der da erzählt wird. Denn Elia war ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Wir würden von ihm heute nichts erfahren, wenn seine Art, im Auftrag Gottes zu reden und zu handeln, nicht eine ganz besondere gewesen wäre. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein wenig exemplarisch ist, was mit Elia da geschehen ist. Exemplarisch für Menschen, die wie er, sich um Gottes Wort kümmern, die wie er, sich von seinem Auftrag leiten lassen.

Da ist zum einen die Situation der Verfolgung, in der ihn der Engel Gottes anrührt. Denn er hat unangenehme Wahrheiten ausgesprochen und ist daher nicht wohlgesehen. Für Elia geht es erkennbar ums Leben. Er hat die falschen Götter entlarvt. Und so hat er denen, die ihre Macht darauf bauen, hat er ihnen etwas von ihrer Machtgrundlage genommen. Es ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der Glaube freimachen kann, freimachen von angstmachenden, vorschreibenden, beengenden Bedingungen. Sind die falschen Götzen entlarvt, haben sie keine Macht mehr.

Immer wieder hat der Glaube Unterdrückungsmechanismen diese Freiheit entgegensetzen können. Ich denke an die Worte Martin Luther Kings, ich denke an die Montagsgebete in Leipzig und später an anderen Orten. Wo falsche Götzen entlarvt werden, da verlieren sie ihre Macht. Aber das bringt die, die auf diese Macht bauen, im schlimmsten Fall zu rasender Wut. Die Propheten der Freiheit, sie sind in Gefahr.

Es kann die Gefahr um Leib und Leben sein. Die droht wohl heute weniger. Heute mag es vielleicht eher die Gefahr sein, sich lächerlich zu machen, sich abseits zu stellen, sich auszuschließen. Wer den Blick auf den Menschen anmahnt, der wird im besten Fall als Träumer benannt, als unrealistischer Gutmensch. Machtloses Mahnen. Ungehörte Stimme. Das kann müde machen. Kann das Gefühl von Aussichtslosigkeit und Sinnlosigkeit wecken, kann die weitere Sicht versperren.

Bei Elia ist diese Müdigkeit gar Lebensmüdigkeit. Aber die hat wohl noch einen weiteren Grund. Denn er wusste wohl nach dem Aufwachen aus einer Raserei, in der er die Baalspriester getötet hatte, dass er zu weit gegangen war. Viel zu weit.

Die berechtigte, die nötige Kritik an den falschen Götzen, sie gab lange nicht das Recht zu solch einem Blutrausch. Er hatte sich in göttlichem Auftrag göttliches Recht selbst angemaßt. Und er war sozusagen in die prophetische Falle getappt. Die mögliche prophetische Falle des Fundamentalismus. Er war dem Wahn verfallen, dass alles, was gegen seinen Glauben steht, ausgemerzt gehöre. Er traute nicht mehr der Kraft der Überzeugung, ja des Wettbewerbes der Glaubensvorstellungen, sondern er musste vernichten, was seinen Vorstellungen entgegenstand.

Das ist die mögliche prophetische Falle des Fundamentalismus. Eine Falle, in die immer wieder hineintappen kann, wer aus tiefer Glaubensüberzeugung sein eigenes Leben gestaltet und seine Stimme erhebt. Auch wir.

Und die Falle schnappt immer dann zu, wenn wir hinter für uns falschen Glaubensvorstellungen und für uns falschen Ideen den Menschen aus dem Blick verlieren. Wenn der oder die, die für uns irrige Ansichten vertreten, von uns selbst als irrig und als falsch angesehen werden.

Jesus selbst hat in eindrücklicher Weise erkennen lassen, wie sehr es um den Menschen geht, wie wichtig er uns sein und bleiben muss. Als er Zachäus von Baum herunterrief, da hat er keinesfalls gutgeheißen, das dieser als sündiger Zöllner ganz offensichtlich dem Götzen Geld hinterherlief, aber trotzdem konnte und wollte er bei dem Menschen Zachäus einkehren, und gerade das hat diesen befreit.

In seinem gerechten Eifer für seinen Gott hat Elia diesen Blick nicht finden können. Ihm ging es nur um seinen Sieg, den er für den Sieg Gottes hielt. Nun wird ihm sein Rausch bewusst. Und sein Verfehlen, seine Tragik, seine Angst vor der Verfolgung machen ihn lebensmüde.

Aber Gott lässt seinen Propheten nicht allein. Er hat ihn gebraucht und lässt ihn auch jetzt nicht allein, da er in seinem Auftrag gefehlt hat.

Des Elias Kraft war verbraucht, weil er sie auf ein falsches Ziel gerichtet hat. Aber Gott gibt ihm neue Kraft, gerade so viel, wie er braucht.

Das, was Elia hier geschieht, ist für mich ein Bild dessen, was uns im Segen geschenkt ist. Wir kommen oft wie Elia. Mit dem Wissen, dass wir unsere Kraft für Falsches vergeudet haben. Wir mögen manches Mal recht mutlos und wohl auch mit ängstlichen Herzen Gottes Segen erwarten. Und was wir erhoffen dürfen ist, dass er uns trotzdem annimmt; dass Gott uns gebraucht hat und weiter brauchen wird. Und dass wir dafür gerade so viel Kraft bekommen, wie wir brauchen. Um wenigsten das nächste Stück zu gehen. Um wieder neu auf Gottes Stimme zu hören. Seine Stimme, die oft so anders ist als erwartet. Wie ein stilles, sanftes Sausen – auch das können wir mit Elia erfahren.

Ihr Pfarrer Cornelius Epperlein

Hier gibt es den mit Pirna-TV erstellten Ostergruß der Gemeinde zum nachsehen. Die Videoandachten zur Mittagspause aus den Wochen, in denen wir keine Gottesdienste feiern konnten, finden Sie an dieser Stelle.

Monatspruch Juli

Der Engel des HERRN
rührte Elia an und sprach:
Steh auf und iss!
Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

1.Könige 19,7

 

Lucas Cranach d.J.: Elijah und Baals Priester

Lucas Cranach der Jüngere
Elijah und Baals Priester
(Ausschnitt)