An(ge)dacht
So erquickst du mich (Psalm 138,7)
Liebe Leserinnen und Leser,
ein schmaler Weg, Dämmerlicht zu beiden Seiten, keine weite Aussicht. Kein Panorama. Nur ein Pfad, der sich nach vorne zieht. Und wie der Blick dahin weiter geht, zeigt sich immer mehr Licht.
Was mich an diesem Bild anspricht: Es zeigt keine Erlösung auf einen Schlag. Die Angst ist nicht weg. Sie liegt links und rechts des Weges. Sie bleibt Teil der Landschaft. In der Tageslosung für den 7. Juni heißt es im Herrnhuter Losungsbuch: „Herr, wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich“ (Psalm 138,7).
Der Psalm sagt nicht: „Du nimmst mir die Angst.“ Er sagt: „Wenn ich mitten in der Angst wandle.“ Angst ist hier kein Ausnahmezustand, sondern ein Raum, durch den ich hindurchgehe.
Ich finde das ehrlich. Angst hat oft genau diese Qualität. Sie kommt nicht nur kurz vorbei. Sie bleibt. Sie umstellt. Und trotzdem geht das Leben weiter. Man geht zur Arbeit, spricht mit Menschen, trifft Entscheidungen. Man wandelt – mitten in der Angst.
Das Bild zeigt: Dieser Weg ist nicht gesperrt. Er ist nicht abgebrochen. Er ist da. Und ich kann ihn gehen, Schritt für Schritt. Vielleicht nicht mutig. Vielleicht zögerlich. Aber gehend.
Das Bild zeigt keinen Menschen. Und gerade das macht es leicht, mich selbst darin zu verorten. Ich kann mir vorstellen, diesen Weg zu gehen. Nicht hastig, nicht ent-schlossen, eher vorsichtig. Schritt für Schritt.
„So erquickst du mich.“ Dieses Wort überrascht mich jedes Mal. Erquicken ist kein großes Wort. Es meint nicht die große Lösung. Es meint: aufatmen, neue Kraft bekommen, innerlich gestärkt werden. Vielleicht nur so viel, dass der nächste Schritt möglich ist.
Mein Blick geht noch nicht auf die ganze Landschaft. Er enthüllt nur das Stück Weg weiter. Genau dort, wo ich hingehe. Nicht dort, wo ich alles verstehen müsste. Nicht dort, wo meine Angst herkommt oder wie sie endet. Sondern dort, wo mein Fuß aufsetzt. Der Weg ist schmal – aber er ist gangbar. Das verändert meinen Blick auf Gott. Gott steht nicht am Ende des Weges und ruft mir zu: „Komm endlich raus.“ Gott geht offenbar mit. Oder besser: Gott sorgt dafür, dass der Weg nicht im Dunkel verschwindet. Dass ich mich orientieren kann. Dass ich nicht stehen bleiben muss, auch wenn ich es manchmal möchte. Ich empfinde hier Gott nicht als laute Gegenmacht gegen meine Angst, sondern als leise Kraft, die mich aufrecht hält.
Das Bild ist still. Es fordert nichts. Es drängt nicht. Und vielleicht ist genau das die Art von Trost, die dieser Psalm meint. Kein Lärm gegen die Angst. Kein Gegengefühl, das sie übertönt. Sondern Gegenwart. Wegbegleitung. Licht genug für den nächsten Schritt.
Ich merke beim Betrachten: Angst verliert nicht dadurch Macht, dass ich sie ignoriere. Sondern dadurch, dass sie nicht das letzte Wort hat. Der Weg bleibt. Das Licht bleibt. Und ich bleibe in Bewegung.
Das ist für mich die Verheißung des Losungswortes: Gott verspricht mir nicht, dass ich angstfrei werde. Aber er verspricht: Ich bleibe nicht alleine. Er sagt mir zu: meine Kraft wird erneuert, während ich gehe. Mitten in der Angst geschieht etwas, das mich aufrecht hält. Ich sehe noch nicht das Happy End. Aber ich sehe Licht genug, um meinen Weg heute zu gehen.
Pfarrer Cornelius Epperlein
Monatsspruch Juni
Denkt an die Gefangenen,
als wäret ihr mitgefangen;
denkt an die Misshandelten,
denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!
Hebräer 13,3

