An(ge)dacht

Liebe Leserinnen und Leser,

auch wenn es heutzutage kaum noch handgeschriebene Briefe gibt und die postalisch versendeten Schreiben meist Geschäftsbriefe sind, so kennen wir alle doch bestimmte Floskeln und Wünsche, die in jeden Brief, in jede Mail gehören. An bestimmten Formulierungen können wir erkennen, ob der Briefschreiber ärgerlich oder erfreut ist, je nachdem ob ich »liebe« oder »sehr geehrte« schreibe, weiß mein Gegenüber wie nahe wir uns stehen.

In der Antike waren solche Brieffloskeln noch viel stärker ausgeprägt als heute. Und der Monatsspruch für den Mai entspricht einer solchen üblichen Anrede. Dort heißt es: Ich wünsche Dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht. (3. Joh 1,3)

Es ist ein sehr liebevoller Gesundheitswunsch zu Beginn eines liebevollen kleinen Kontaktschreibens. Der 3. Johannesbrief zählt eher zu den unbekannten kleinen Briefen des Neuen Testamentes. Er hat auch nur ein Kapitel. In diesem kurzen Schreiben steht der Dank ganz oben für die Hilfe, die Unterstützung, Bewirtung und Ausrüstung mit Proviant. Die durchreisenden Missionare waren in den christlichen Gemeinden, die sie ansteuerten, auf Gastfreundschaft angewiesen. Und – wie auch in dem Brief zu lesen ist – schon damals war dies nicht selbstverständlich.

Die Gastgeber werden in diesem Brief mit den guten Wünschen bedacht, die wir als Monatsspruch lesen. Wohlergehen und Gesundheit, auch für die Seele – werden den Lesern gewünscht. Die äußeren Umstände schenken uns die Möglichkeit dazu, Wohlergehen und Gesundheit genießen zu können, während wir mit ansehen müssen, dass diese Wünsche auch in Europa durch den Ukraine-Krieg nicht mehr selbstverständlich sind.

Und weil es uns so gut geht, können wir für die Menschen aus dem Osten da sein. Bewusst möchte ich nicht nur die ukrainischen Kriegsbetroffenen in den Blick nehmen, sondern auch die russischen Menschen, die nicht mit dem Krieg einverstanden sind.

Gerade ihnen wünschen wir Wohlergehen für die Seele. Die Seele ist für uns ein tief in uns liegender Punkt unseres Seins und unserer Gottesbeziehung. In der Zeit der Bibel meint die Seele eher das Leben und die Lebenskraft des Menschen selbst in seiner körperlichen und psychischen Ganzheit als Individuum und Person mit seiner wesenhaften Offenheit für Gott (Zitat Haag).

In beidem – sowohl ganz tief in uns, als auch als ganzer Mensch – brauchen wir Wohlergehen. Dieses Wort ist selbstbeschreibend und nimmt das auf, was uns Luther als Erklärung zur Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot im Kleinen Katechismus hinterlässt.

Darum bitte ich Sie, dass wir nicht nur einander diese Worte des Monatsspruches wünschen, sondern auch dafür Einsatz zeigen, in unserer Kirchgemeinde und in unserem Land. Ich wünsche Dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht.

Ihre Superintendentin Brigitte Lammert

Monatsspruch Mai

Ich wünsche dir
in jeder Hinsicht
Wohlergehen und Gesundheit,
so wie es deiner Seele wohlergeht.

3. Johannes 2

Sinnbild