An(ge)dacht

»Wir halten nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.«
Römer 3,28

Liebe Gemeinde,

am Ende der Herbstferien, feiern wir das Reformations­fest. Ein Fest des Glaubens, der sich frei von allen Zwängen erleben und  erfahren darf. Aber gerade darum bedarf er der Vergewisserung – immer wieder neu.
Weil unsere Lebenssituationen immer wieder neu sind. Weil es unsere Zeit ist, in der wir Gottes Wort erfahren können.
Weil wir Gott und den Glauben an ihn eben nicht haben. Wir haben ihn nicht wie einen Be­sitz, den uns niemand mehr wegnehmen kann. Sondern Gott und unser Glaube sind etwas, was immer neu geschieht. Es geschieht in den unterschiedlichen Situationen unseres Lebens. Es ist nichts Statisches, das unverändert als starres Gerüst unser Lebensgebäude umgibt. So etwas wäre das Gesetz, wie es Paulus be­schreibt. Etwas Unveränderbares, dass dann den Lebenssituationen, in die wir geraten, viel­leicht gar nicht mehr gerecht wird.
Das immer neu jeden Sonntag in den Gottes­diensten und an den Feiertagen zu feiern, dies ist das Angebot an uns. So unseren Glauben in den verschiedensten Situationen unseres Le­bens zu finden, zu festigen und – das ist das Wichtige – auch anzupassen an das, was uns geschieht. Also unseren Glauben anpassen, ver­ändern und neu auf das Leben antworten zu lassen. Das heißt nicht, dass wir das Ziel unse­res Glaubens, Gott selbst, etwa verändern oder uns anpassen könnten.
Aber weil wir Gott eben nie ganz haben, ihn nie ganz ergreifen, deswegen haben wir auch nie ganz und umfassend den Glauben an ihn, der unveränderlich wäre. Wer das meint, wer denkt, die eine Glaubensentscheidung würde reichen für das ganze Leben, der läuft Gefahr seinen Glauben zu verlieren. Der Weg zu Gott, er ist immer Suche, ist Weg und nicht ein un­verrückbarer Platz.
Wir suchen nach Gott. Wir sind auf dem Weg zu ihm hin, wir suchen danach, zu erleben, dass wir von ihm angenommen sind. Und wir brau­chen uns dessen nicht zu schämen, dass es le­benslang eine Suche bleiben wird. Im Gegenteil, wir sollten es annehmen und es anerkennen.

Gerade die zwei Personen der Kirchengeschichte, die am Reformationstag besondere Bedeutung erlangen, Paulus und Martin Luther, gerade diese beiden mussten beispielhaft eine solche Wandlung durchmachen. Die Wandlung von einer scheinbaren Gewissheit des selbst Ge­schaffenen hin zum Wagnis, zum Wagnis, die Gnade Gottes, das Geschenk seines Entgegen­kommens einfach anzunehmen.
Das ist für uns Menschen nicht immer einfach. Gnade anzunehmen, das heißt, sich ganz auf Gott einzulassen. Das heißt von sich selber ab­sehen. Es gibt nichts, dessen wir uns rühmen können, so Paulus. Keine selbst geschaffene Ge­wissheit, keine Taten, auf die ich mich berufen kann. Nichts, was ich mir selbst auf die Fahnen
schreiben kann. Damit gibt es aber auch nichts, dessen ich mich rühmen muss. Es gibt nichts, was mir ab­verlangt wird, als allein, mich der Gnade, dem Entgegenkommen Gottes, anzuvertrauen. Gott hält uns so aus, wie wir sind. Ganz unver­fälscht, wie wir sind. Das mögen wir immer wieder lernen. So wie es sowohl Martin Luther und Paulus für sich und für uns lernten.

Pfarrer Cornelius Epperlein

Martin Luther am Nordportal der Marienkirche

Monatsspruch Oktober

Lasst uns
aufeinander achthaben
und einander anspornen
zur Liebe und zu guten Werken.

Hebräer 10,24